Freiheit für den Mülibach

12.09.2016

Ein natürlicher, offener Bachlauf bietet entlang seines Bettes und darin vielfältige Lebensräume für eine Vielzahl unterschiedlicher Tier-­‐ und Pflanzenarten. Unzählige Bäche oder Bachabschnitte wurden allerdings im 20. Jahrhundert in Dolen unter die Erde verbannt, um Kulturland zu gewinnen und vermeintlich die Hochwasser zu bändigen. Pro Natura Thurgau und Hallo Biber! Ostschweiz setzen sich seit Jahren für die Öffnung dieser Bäche ein, um einen Teil dieser wertvollen Lebensräume wieder herzustellen – das ist kein leichtes Unterfangen aber ein lohnendes!

 

Weidenjungfer am Mülibach in Langrickenbach. Bild: Manfred Hertzog

 

Vom Grüüt her kommend fliesst der Mülibach grösstenteils noch in einem natürlichen Bachbett Richtung Langrickenbach. Hier leben Krebse, Käfer und Amphibien im Wasser und im Schutz der Büsche am Ufer jagt die Ringelnatter nach Fröschen. Kräuter, Stauden, Bäume wachsen und blühen. Auf ihnen tummeln sich unzählige Insekten, welche wiederum für eine Vielfalt von Vögeln als Futterquelle unentbehrlich sind. Dieses vielfältige Leben endet abrupt, wenn der Bach in einer Röhre unter dem Maisfeld verschwindet. Hier grosse Artenvielfalt, dort Monokultur.

 

Mindestens 70 Jahre verbrachte ein 500 Meter langer Abschnitt des Mülibachs unter dem Boden und trennte den Oberlauf und den als Stichbach bezeichneten Unterlauf, der in den Bodensee mündet, einer unüberwindbaren Barriere gleich. Nun wird diese grosse Lücke im Bachlauf geschlossen dem Fliessgewässer wird nach jahrelangem Ringen um die Zustimmung aller Betroffenen ein bemerkenswertes Stück Leben zurückgegeben. Ein grosser Dank gebührt hierbei auch der Bevölkerung der Gemeinde Langrickenbach, die sich in einer Abstimmung im Mai 2016 mit einem klaren ’Ja’ zu dem besonderen und grossen Projekt bekannt hat.

 

 

Bis zu dieser Zustimmung sind die Projektverantwortlichen allerdings einen langen Weg gegangen. Es können nämlich Jahre vergehen bis ein solches Wasserbauprojekt in trockenen Tüchern ist. Walter Häberlin, Grundbesitzer des künftigen Baches, ging die Idee einer Bachöffnung bereits vor über 13 Jahren durch den Kopf. Seine Kindheit verbrachte er am und im Mülibach und auf dem Grundstück seiner Familie sollte diesem Bach wieder an die Oberfläche geholfen werden. 2007 wurde Pro Natura Thurgau dann erstmals aktiv und entwickelte Pläne für eine teilweise Bachöffnung. Es konnte aber damals unter anderem die Finanzierung nicht abschliessend geklärt werden. 2012 dann nahm Pro Natura Thurgau zusammen mit Hallo Biber! Ostschweiz das Projekt erneut in Angriff. Es folgten Jahre der Verhandlungen mit Gemeinde, Landbesitzern und Anstössern. Das Projekt wurde gemeinsam mit einem Wasserbauingenieur angepasst, erweitert, ergänzt, besprochen bis es nun heute in der wahrscheinlich bestmöglichen Form für alle Beteiligten vorliegt und der Umsetzung nichts im Wege stehen sollte. „Für Naturschutzanliegen ist also manchmal ein richtig langer Atem nötig. Und neben steter sachlicher Verhandlungsbereitschaft am Ende auch immer die Leidenschaft für die gesunde und vielfältige Natur in der unmittelbaren Landschaft in der wir leben.“, erzählt der Projektverantwortliche bei Pro Natura Thurgau.

 

Es gibt nämlich viel zu entdecken am Bach! Im Frühjahr findet man junge Frösche und im Ufergehölz singen und nisten Vögel. Geduldige Beobachter können Bachstelze, Goldammer oder Zaunkönig beobachten. Über den Sommer hinweg fliegen Weidenjungfer und Zitronenfalter entlang der Ufer und wer ins Bachbett steigt findet dort Köcherfliegenlarven und Bachflohkrebse und betrachtet diese am Besten mit einer Lupe: Damals wie heute haben Bäche nicht nur für Kinder eine magische Anziehungskraft.

 

Pro Natura Thurgau fördert Bachöffnungen im ganzen Kanton Thurgau mit der Zielsetzung, möglichst viele Gewässerlebensräume und damit deren oft seltene oder gefährdete Arten zu erhalten und zurückzubringen. In den letzten Jahren konnten mit Hallo Biber! Ostschweiz u. a. Renaturierungsprojekte in Kreuzlingen, Wuppenau, Schlatt oder in Weerswilen am Ottenberg realisiert werd

Zurück